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Kirchenregion Neubrandenburg

Jesus und die Schiffbrüchigen, Altarbild in der Kirche Ihlenfeld

Jesus und die Schiffbrüchigen

Gedanken zum Altarbild in der Kirche Ihlenfeld

Das Altarbild in der Dorfkirche in Ihlenfeld zeigt die Geschichte, wie Jesus und Petrus auf dem Wasser gehen. Sie steht im 14. Kapitel des Matthäusevangeliums. Es ist Sturm auf dem See Genezareth. Die Jünger sind in furchtbarer Seenot. Die Wellen schlagen hoch und brechen. Am Himmel Gewitterwolken. Gischt spritzt. Hier ist rohe Gewalt und Lebensgefahr. Jesus kommt auf dem Wasser zu ihnen. Die Jünger haben Angst. Wie kann einer auf dem Wasser gehen? Nur Petrus ist mutig: „Wenn du es wirklich bist, Jesus, dann will ich auch auf dem Wasser gehen!“ Jesus sagt: „Komm!“ Petrus traut sich. Er schaut zu Jesus. Er macht den ersten Schritt auf das Wasser. Er steht und weiß nicht wie. Er macht Schritte. Aber dann sprüht ihm die Gischt ins Gesicht. Er sieht die Welle und denkt: „Was mache ich hier?“ Er versinkt. Er schreit: „Hilfe!“
Jesus greift zu. Er verhindert, dass Petrus untergeht. Auf dem Altarbild ist das schön dargestellt: Jesus greift Petrus am Unterarm statt an der Hand. Selbst wenn Petrus jetzt in Panik loslässt – Jesus hat ihn sicher! Jesus steht ganz ruhig da. Die linke Hand hat er gehoben. Es ist fast eine Geste wie beim Segen im Gottesdienst. So als will er uns sagen: Alles wird gut! So wie ich den Petrus halte, so halte ich auch euch fest.
Ich finde, das ist ein schöner Gedanke: Jesus hält mich so fest, dass er mich sicher hat. Selbst wenn mein Glaube die Kraft verliert, selbst wenn ich schwer krank werde, wenn mir der Tod vor Augen steht, wenn das Chaos in meine Beziehungen einbricht: Christus hält mich fest. Wo ich das Gefühl habe, dass ich ins Bodenlose falle: Er hat mich. Das nehme ich gerade jetzt in der Corona-Pandemie in Anspruch. Wir haben vielleicht den Eindruck, dass die ersten, zweiten und möglichen dritten und vierten Wellen des Virus über uns hinwegtoben. Wir haben vielleicht den Eindruck, dass die Maßnahmen zum Schutz vor gegenseitiger Ansteckung wie ein Sturm unser Leben durcheinander bringen. Einige Leute macht das aggressiv. Sie gehen auf die Straße und suchen einen Schuldigen. Sie erzählen wirre Geschichten von geheimen Drahtziehern und angeblichen Versuchen, uns mit Impfstoffen gefügig zu machen. Das peitscht natürlich die Seele erst recht auf.
Wir Christinnen und Christen spüren diese Ängste auch. Aber wir haben in dieser Situation die Möglichkeit, uns gegenseitig daran zu erinnern: Jesus hält dich sicher fest, auch in diesen weltweit stürmischen Zeiten, auch in den Stürmen in meiner Seele. Ich kann meine Angst loslassen. Ich kann meine Aggressionen loslassen und muss sie nicht gegen vermeintliche Sündenböcke richten.
In der Kirche in Zudar auf Rügen befindet sich ein Bild, das dem in Ihlenfeld haargenau gleicht. Beide Bilder stammen wohl aus der gleichen Werkstatt. Das Bild in Ihlenfeld ist über ein älteres Bild von einem Schiff in einer Lagune gemalt. Wenn das Licht beim Gottesdienst richtig fällt, kann man dieses Schiff auch noch durchschimmern sehen.
Ich finde es ungewöhnlich, dass ausgerechnet in Ihlenfeld auf dem platten Land so ein Altarbild zu sehen ist. Auf Rügen haben die Familien der Fischer immer vor Augen gehabt, was Schiffbruch, was Sturmflut und Ertrinken bedeuten. Aber in Ihlenfeld ist das Meer weit weg. Vielleicht ist es eine Mahnung: Auch ihr auf dem platten Land habt eine Verantwortung für diejenigen, die auf den Meeren der Welt in Seenot geraten. Ihr Leben zu retten ist eine Pflicht, die uns die Liebe zu Gott und unseren Nächsten auferlegt. Dabei verbietet sich die Frage, ob diejenigen, die da in Not sind, etwa selbst schuld sind. Es ist in der christlichen Seefahrt immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass Menschen aus Seenot gerettet werden müssen. Die Schiffe, die in der Nähe sind, haben nach dem Seerecht die Verpflichtung, Hilfe zu leisten und Opfer von Schiffbruch aufzunehmen.
Auf dem Mittelmeer sind aufgrund der weltweiten Fluchtbewegungen vor Bürgerkriegen, Hunger, Diktatoren und Chancenlosigkeit jedes Jahr viele Menschen unterwegs, die in Seenot kommen. In den letzten drei Jahren sind im Mittelmeer rund 7000 Mädchen und Jungen, Frauen und Männer ertrunken. Die europäischen Staaten haben in den letzten Jahren versucht, einerseits das massenhafte Ertrinken im Mittelmeer zu verhindern, aber andererseits den Zugang zu den reichen und demokratischen Ländern der EU zu versperren. Statt europäischer Seenotretter sollen die Milizen der libyschen Küstenwache die Schiffbrüchigen retten und sie zurück nach Libyen in den Bürgerkrieg und die Massenlager für Geflüchtete bringen. Gleichzeitig werden europäische Seenotretter wie Kriminelle behandelt, wenn sie versuchen, Schiffbrüchige in Europa an Land zu bringen. Die Corona-Pandemie hat das Problem noch verschärft.
Aber die Flucht über das Mittelmeer geht trotzdem weiter. Nur gibt es inzwischen immer weniger Boote, die Schiffbrüchige aufnehmen können. Nicht zu handeln heißt: Den Tod dieser Mädchen, Jungen, Frauen und Männer in Kauf nehmen.
Und da leuchtet wieder das Schiff auf dem Untergrund der Leinwand hervor. Viele Christinnen und Christen, viele Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen haben sich zur Initiative United4Rescue zusammengeschlossen und Geld gesammelt. Auch unsere Nordkirche ist dem Bündnis beigetreten. Sie haben das Schiff Sea Watch 4 ausgerüstet. Im August hat es seine wichtige Arbeit aufgenommen und rettet Menschen auf dem Mittelmeer aus Seenot. Das zeigt für mich: Die Nächstenliebe der Christinnen und Christen in Europa ist lebendig. Sie spüren die Liebe Gottes zu seinen Menschen in sich. Sie strecken denen, die untergehen und sterben, die rettende Hand aus.

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