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Kirchenregion Neubrandenburg

Herbst 2020

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich
und seine Güte währet ewiglich. Ps. 107,1

„Wie sagt man!?“ Diese rhetorische Frage, mit der Eltern ihre kleinen Kinder immer wieder bedrängen, ist uns allen geläufig. Manchmal erhöhen die Eltern den Druck, indem sie eine Belohnung davon abhängig machen, dass auch „Danke“ gesagt wurde. Eltern versprechen sich davon, dass die Kinder auf diese Weise die äußeren Formen von Höflichkeit lernen. Ein bisschen hat das Ganze mit Dressur zu tun. „Sag: `Danke´, dann bekommst du auch das Eis!“
Es ist ja wichtig, dass wir Menschen einander höflich begegnen. Aber Dankbarkeit ist viel mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Dankbarkeit ist eine Lebenseinstellung, die man nicht lernen kann, indem man das tut, was die Eltern gerne wollen.
Was Dankbarkeit ist, was sie bedeutet und was sie mit uns Menschen macht, ist erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand psychologischer Untersuchungen (seit ca. 2000). Bis dahin standen eher negative menschliche Gefühle und Erfahrungen im Fokus von Untersuchungen. Aber selbst in dieser kurzen Zeit hat man herausgefunden, dass Dankbarkeit einen großen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden hat. Dankbarkeit macht Menschen glücklicher, zufriedener, gesünder, dankbare Menschen sind weniger gestresst oder deprimiert und schlafen besser.
Und, und das finde ich am bemerkenswertesten, man kann so eine Lebenshaltung einüben mit deutlich messbaren Effekten, z.B. indem man ein Dankbarkeitstagebuch schreibt. Jeden Tag drei Dinge aufschreiben, für die man am Tage dankbar war. Dies zwingt Menschen, den Blick auf das Schöne und Angenehme zu richten, anstatt nur in ihrem Ärger und ihren negativen Gefühlen zu verbleiben.
Ich mache diese Erfahrung z.B. in Pflegeheimen, wo Menschen Tür an Tür leben.
Ich erinnere mich an eine Frau, der es sehr schlecht ging, dreimal die Woche Dialyse, sie konnte das Bett nicht mehr verlassen. Aber jedes Mal begrüßte sie mich mit einem Lächeln voller Dankbarkeit für den Besuch, und als ich ging, gab sie mir Grüße auf an die Menschen, an die sie dachte. Niemals hat sie sich beklagt. Andere Menschen, die viel beweglicher waren, viel selbstständiger sein konnten, klagten immer, wenn ich kam, über die Schwestern, die Kinder, den schlechten Gesundheitszustand, das Essen usw.. Natürlich sind wir Menschen verschieden, und ich weiß, nicht wie ich mit einer solchen Lebenssituation umgehen würde. Aber mir ist sehr deutlich geworden, dass der Blick auf die schönen Dinge des Lebens direkten Einfluss auf mein Wohlbefinden hat.
Wir Christen kennen das Dankgebet. Und man kann es genauso beten, als wenn man ein Danktagebuch schreibt. „Herr unser Gott, ich danke dir für den heutigen Tag, die Begegnungen mit anderen Menschen, ich danke dir für das Telefongespräch, das ich führen konnte, für das Lachen mit meinem Partner, das schöne Essen, den Regenbogen, dass die Schmerzen heute nicht so stark waren, für den Friedhofsbesuch, für die Stille, das gute Essen ...“. Es gibt so viele Dinge, für die wir dankbar sein dürfen. Wir brauchen nur die Augen zu öffnen und sie uns bewusst machen. Und wenn wir dies regelmäßig tun, wird das Konsequenzen auf unser Wohlbefinden haben.
Erntedank ist das Fest, das wir genau aus diesem Grunde feiern.

Ralf von Samson

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